Athen ist eine der antiksten Städte der Welt und gleichzeitig eine der am dichtesten besprühten Metropolen Europas. Wer heute durch die Stadtteile Exarchia, Psirri oder Mastiraki spaziert, blickt auf eine schier endlose Leinwand an Silber und Farbe. Seine DNA ist roh, illegal und tief mit den politischen und sozialen Umbrüchen der jüngeren griechischen Geschichte verwoben.
Hip-Hop Welle spült Graffiti an den Saronischen Golf
Graffiti fand relativ spät seinen Weg nach Griechenland. Während in New York bereits ende der 1970er Jahre Metros von vorne bis hinten komplett besprüht waren, erreichte die erste Welle Athen erst gegen Ende der 1980er Jahre.
Wie in vielen europäischen Städten schwappten erste Berührungspunkte mit Graffiti über die Hip-Hop Kultur nach Athen. Jugendliche ließen sich von US-Filmen wie Beat Street inspirieren. Die ersten beweglichen Ziele der Jugendgangs war die Metrolinie „ISAP“, die den Hafen von Piräus mit dem Zentrum verbindet. Das eigene Piece auf der Metro durch die Stadt rollend war der ultimative Währungsgewinn. Als Pioniere sollen Crews wie TNS oder 101 nicht unerwähnt bleiben.

Polizistenmord 2008 bringt das Fass zum überlaufen
Die eigentliche Explosion für Graffiti in Griechenland datiert sich auf Dezember 2008, als ein Polizist den 15 jährigen Schüler Alexandros Grigoropoulos in Exarchia – das anarchistische Viertel in Athen – erschoss. Das Ereignis löste wochenlange, schwere Unruhen im Land aus. Fast zeitgleich brach die schwere griechische Finanzkrise aus. Die Kombination aus politischer Wut, Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichem Kollaps veränderte das Stadtbild erheblich.
In dieser Zeit explodierte die Anzahl an einfachen Straßen Bombings und politischen Symbolen. Viele Sprüher wendeten sich zunächst von den ästhetischen Charakterzügen des Graffitis ab und begannen mit politischen Throw-Ups und Tags die Stadt zu fluten. Nebeneffekt der Finanzkrise: Die Stadt hatte schlicht weder Geld noch Ressourcen um gegen illegale Graffiti konsequent vorzugehen oder diese zu beseitigen. Wände, Rolläden, Busse und auch Züge blieben jahrelang bemalt. Das verschaffte der Szene einen beispiellosen Freiraum
Übrigens: Noch heute wird am 6. Dezember in Athen an den Polizistenmord erinnert, was jedes Jahr zu Konflikten mit der Polizei führt.
Ästhetik illegaler Straße Bombings in Athen
Die Textur und Architektur Athens ist einzigartig. Zumeist besteht die Stadt aus großen Teilen von Beton Wohnblöcken der 1960er und 1970er Jahre mit Erdgeschossen aus Marmor und Rollläden aus Metall. Diese Oberflächen bieten eine perfekte Leinwand für Chrome Burner, Throw Ups und Tags. Die Athener Jugendgangs haben schnelle Action für sich entdeckt und führen sie seit Jahren erfolgreich durch. Straßenzüge werden in Minuten versilbert und Metros Reihe an Reihe gebombt.

Athen wird als „neues Berlin“ gefeiert
Nicht zuletzt wegen ihrer rohen und unpolierten Art reisten Writer aus aller Welt gezielt nach Athen, um in einer weitgehend unregulierten Stadt ihre Spuren zu hinterlassen. Gleichzeit begann die Stadt in den 2010er Jahren großflächig legale Murals zu fördern um den Chaos Einhalt zu gebieten.
Diese Idee führte jedoch zu erneuten Spannungen. Die etablierte Graffiti Szene Athens sieht durch die perfektionistisch ausgearbeiteten Wandbilder ein Werkzeug zur Gentrifizierung, das Viertel wie Exarchia oder Psirri für Touristen attraktiv machen soll. Die logische Folge: Murals werden nicht selten innerhalb weniger Tage wieder von Tags, Throw Ups und Bombings überdeckt.Ein Denkmal für Graffiti
Graffiti in Athen als Geschichtsbuch
Illegales Graffiti in Athen ist weiterhin kein vorübergehender Jugendtrend, sondern ein historisches Archiv für die Entwicklung von Graffiti. Wer Tags, Throwies und Chrome Bombings der Stadt zu lesen weiß, liest die Geschichte eines Landes, das durch Krawalle, Armut, Widerstand und Neuerfindung gegangen ist. Es bleibt eine der wenigen Metropolen Europas, in der die Straße noch immer ungefiltert zurückschreit.