Die goldenen Dächer, die Karlsbrücke, das historische Pflaster – Prag ist weltbekannt für seine Magie aus Barock und Gotik. Doch wer mit offenen Augen durch die tschechische Hauptstadt geht, entdeckt eine zweite, farbintensive Ebene: Prag gehört seit den 1990er Jahren zu den dynamischsten und prägendsten Graffiti- und Street-Art-Metropolen Mitteleuropas.
Vom politischen Protest zur Kunstform
Während Sprüher in West-Berlin oder New York bereits in den 70er und 80er Jahren Züge und Wände eroberten, blieb der Eiserne Vorhang in Tschechien eine Mauer des Schweigens. Erst mit der Samtinen Revolution 1989 änderte sich alles schlagartig.
Mit dem Fall des Regimes schwappte die westliche Hip-Hop- und Graffiti-Kultur ungefiltert nach Prag – transportiert über VHS-Kassetten, importierte Magazin-Exemplare und erste Reisen in den Westen. Eine junge Generation, hungrig nach Selbstausdruck und kreativer Freiheit, griff zu Farbe und Farbdosen, die damals im Baumarkt noch schwer zu bekommen waren. Die Stadt wurde zu einer riesigen, unbeschriebenen Leinwand.
Die wilden 90er: Vorreiter und Metro-Bombing
Mitte der 90er Jahre entwickelte Prag eine eigene, extrem aktive Szene. Crews wie TCP (The Chrome Posse), DSK (Da Sektor Krew) oder ABX prägten das Stadtbild. Was Prag im Vergleich zu anderen Städten der Region besonders machte, war das rasante Tempo, mit dem die Szene von einfachen Tags zu komplexen Wildstyles und waghalsigen Aktionen im Nahverkehr überging.
Pioniere wie Jan Kaláb (damals bekannt unter dem Tag Cakes oder Splat) und Vladimír 518 brachten das Graffiti von den Wänden der Peripherie direkt in die Adern der Stadt – das Prager U-Bahn-Netz (Metro). Die gelben, roten und grünen Linien wurden zum Epizentrum eines Katz-und-Maus-Spiels zwischen Sprühern und Behörden.

Von der Straße in die Galerie: Der Prager Weg
Anders als in vielen anderen Städten blieb die Prager Graffiti-Szene nicht isoliert im Untergrund stecken. Sie entwickelte eine faszinierende Brücke zur bildenden Kunst und zur Hochkultur:
- Street-Art & Kultureller Einfluss: Künstler der ersten Stunde gründeten spätere Kult-Bands (wie Peneři Strýčka Homeboye / PSH), betrieben Modelabels, Verlage und Galerien.
- Akademie & Galerie: Jan Kaláb und andere Szene-Größen studierten an der renommierten Prager Kunstakademie (AVU). Prag bewies früh, dass Graffiti kein reiner Vandalismus ist, sondern eine vollwertige Kunstform mit eigenem Vokabular.
- Legale Wände: Schon Ende der 90er schuf die Stadt legale Zonen wie die berühmte Hall of Fame am Těšnov – ein Treffpunkt, an dem sich bis heute nationale und internationale Künstler begegnen.